Seit ich vor zwei Jahren mit meiner Nebentätigkeit als Stadtführer begonnen habe, hat sich mein Interesse an der Geschichte von München immer mehr vertieft. Das 19. Jahrhundert und die Prinzregentenzeit faszinieren mich besonders, und damit auch eine der folgenreichsten Weichenstellungen auf dem Weg zur modernen Großstadt: die Errichtung des städtischen Schlachthofs. Bei der Vorbereitung für die Probiertour durch das Schlachthofviertel habe ich mich intensiv mit diesem Ort beschäftigt, mit seiner Geschichte, seinem Wandel und seinem heutigen Zustand.

Umso mehr hat mich gefreut, als ich von „mittendrin“ erfuhr: dem Projekt, mit dem das Münchner Stadtmuseum im Juni 2026 für einen Monat in den ehemaligen Viehhof an der Zenettistraße zieht. Während das Stadtmuseum wegen seiner Generalsanierung geschlossen bleibt, geht es mit diesem Format direkt in die Viertel, deren Geschichten es bewahren will. Gemeinsam mit der Theater-Compagnie El Solar, dem Beteiligungsprojekt „ichbaumit“ und vor allem mit den Anwohnerinnen und Anwohnern der Isarvorstadt und Sendlings entsteht hier dokumentarisches Theater aus Erinnerungen, Alltagsobjekten und gelebter Stadtgeschichte.
Es ist höchste Zeit dafür. Der Viehhof, in dem seit über 20 Jahren keine Tiere mehr gehandelt werden, steht vor einem weiteren tiefgreifenden Wandel. Was das Stadtmuseum hier unternimmt, ist deshalb mehr als ein Kulturprogramm: Es ist Stadtgedächtnis in Aktion.
Das Programm wird von Partnern aus dem Viertel selbst mitgetragen. Die Bar betreibt Ticaret, das Fischlokal in der Gotzinger Straße. Unterstützt wird „mittendrin“ außerdem von Edeka Fraaß sowie weiteren Anwohnern und Betrieben aus der Nachbarschaft, die das Projekt zu dem machen, was es sein soll: ein echtes Viertelgespräch.

Im ehemaligen Viehhof entsteht so eine besondere Mischung aus Stadtgeschichte, Nachbarschaftsprojekt und Objekttheater. Besucher*innen erleben nicht nur historische Exponate aus der Sammlung des Museums, sondern auch persönliche Erinnerungsstücke und Geschichten aus dem Viertel. Thematisch geht es um Veränderung, Verdrängung, Arbeiterkultur und die Frage, wie sich Münchens Stadtteile entwickeln. Gerade weil das Schlachthofviertel aktuell einen starken Wandel erlebt, wirkt das Projekt wie eine Momentaufnahme eines verschwindenden Münchens.
Impressionen von der Eröffnung am 07.06.2026




Auszug aus dem Programm:
Donnerstag 11.06.2026, 18 Uhr
„Bis das Fleisch im Laden hängt“
Der Lehrfilm für angehende Metzger aus dem Jahr 1962 gibt Einblicke in Arbeit und Leben, wie es früher im Vieh- und Schlachthof an der Zenettistraße war. Der Film ist Familienbestand einer Münchner Metzger-Familie, die ihn damals in Auftrag gegeben hatte.Über die Produktion, Autor*innen etc. ist nichts mehr bekannt. Bei der Übertragungen auf moderne Datenträger ist die Tonspur verloren gegangen. Kommentiert von Franz Schiermeier und Beate Bidjanbeg.
Freitag 12.06.2026, 18-20 Uhr
„Der Vieh- und Schlachthof 1878-2026“
Vortrag und Diskussion mit Franz Schiermeier und Beate Bidjanbeg.
Samstag 13.06.2026 (Achtung: VERSCHOBEN auf Sonntag 14.06.2026)
Münchner Hafenrundfahrt
12 Uhr (und dann Start alle 40 Minuten)
Woher kommt der Steckerfisch?
Von Isarfischern und Adriahäfen, Wiesnwirten und Markthändlern
Ein Tag mit Geschichten rund um den Steckerlfisch, einer „Hafenrundfahrt“ durch die Großmarkthalle und natürlich viel Fisch, Special Hot Dogs und Balik Ekmek.
In Zusammenarbeit mit Papazofs 7 Seas, einer großen Münchner Brauerei und Vino Infernale.
Mittendrin Musik mit der Ticaret Crew
Ticaret schmeißt nicht nur die Bar an diesem Tag – heute legt die kongeniale Crew um King Katmando Christ auch auf.
Donnerstag 18.06.2026
Vortrag „Das neue Münchner Stadtmuseum“
Ein Abend zu Architektur, Planung und Neukonzeption des Münchner Stadtmuseums. Mit Auer Weber Architekten, dem Baureferat der Landeshauptstadt München und Dr. Markus Speidel (Direktor des Münchner Stadtmuseums), Moderation: Michael Buhrs ( Direktor Villa Stuck )
Freitag 19.06.2026
Vortrag „Das Dreimühlenviertel“
Historische Bilder zeigen, wie das Dreimühlenviertel entstand. Mit der Eisenbahn und dem Vieh- und Schlachthof wurde das Viertel erbaut. Noch heute prägen die Stadtbäche, die ersten hier angesiedelten Industriebetriebe wie Roeckl und Rodenstock, sowie das Metzgerhandwerk das Viertel, auch wenn es sich inzwischen zum innerstädtischen Kreativ-Viertel entwickelt mit der Alten Utting, Bahnwärter Thiel und vielen Gaststätten, Kunst- und Handwerksbetrieben.
Samstag 27.06.2026 – ab 20 Uhr
Mittendrin Poetry
Schlachthof – Herz des Münchner Poetry Slams
Eine Best of 30-Jahre Slam-Show mit Ko Bylanzky und Größen der Münchner Szene.
Der Poetry-Slam-Essayist Ko Bylansky ist einer der bekanntesten Slam-Master Münchens. Seit den 1990er Jahren veranstaltet er unter anderem im Münchner Club „Substanz“ in der Rupperstraße den „Munichslam“, im Münchner Volkstheater Workshops und Slams und die „Bahnwörter“ im Bahnwärter Thiel. So macht er die Gegend um den Schlachthof zum Epizentrum der Münchner Poetry Szene.
Das Programm wird laufend ergänzt und kann hier eingesehen werden.